Die Geschichte der Sinti in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR sowie die Erfahrungen von Sinti und Roma im vereinten Deutschland sind nur punktuell erforscht und finden in der historisch-politischen Bildung vergleichsweise wenig Beachtung. Jedoch prägten fortwirkende antiziganistische Denk- und Handlungsmuster die Lebensrealitäten der Minderheit über 1945 hinaus – in staatlichen Institutionen ebenso wie im Alltag.
Sinti und Roma in der DDR und im vereinten Deutschland. Historisch-politische Bildungsperspektiven auf soziale Marginalisierung und kulturelle Selbstbehauptung
Die wenigen Überlebenden des nationalsozialistischen Völkermords, die nach 1945 dauerhaft im Osten Deutschlands lebten, sahen sich trotz des politischen Neuanfangs mit weiterbestehenden antiziganistischen Strukturen konfrontiert. In Verwaltung, Polizei und Justiz wirkten personelle und ideologische Kontinuitäten aus der NS-Zeit fort: Von den DDR-Behörden diskriminiert und kriminalisiert, wurden viele Sinti in der DDR nicht als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt und blieben von Entschädigungen ausgeschlossen.
Die Geschichte ihrer Verfolgung, aber auch die Kultur und Traditionen der Community blieben weitgehend unbekannt. In der Gesellschaft hielten sich zudem tief verwurzelte Stereotype, die den Alltag der Sinti in der DDR prägten und ihre soziale wie kulturelle Teilhabe einschränkten. Mit dem Ende der deutschen Teilung trafen unterschiedliche biografische Erfahrungen innerhalb der Community aufeinander, während alte und neue Formen der Diskriminierung fortbestanden.
Die Tagung stellt diese historischen und gegenwärtigen Konstellationen in den Fokus und fragt in einem geweiteten Blick nach Formen sozialer Ausgrenzung sowie kultureller Selbstbehauptung, Selbstorganisation und Erinnerung. Im Zentrum der Veranstaltung stehen fachliche Impulse zur Geschichte von Sinti und Roma in der DDR und nach 1989, eine Diskussion mit Podiumsgästen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Selbstvertretungsorganisationen sowie praxisorientierte Austauschformate.
Ziel der Veranstaltung ist es, die Geschichte der Sinti und Roma, ihre Erinnerungen und Erfahrungen einem Fachpublikum aus der historisch-politischen Bildungsarbeit zugänglich zu machen und Räume für Austausch und Vernetzung zu eröffnen. Die Tagung richtet sich an Engagierte aus Selbstvertretungsorganisationen sowie aus Museen, Gedenkstätten, Vereinen, Initiativen, Bildungs- und Kultureinrichtungen, die sich mit der Geschichte der DDR, der Teilung und Einheit Deutschlands auseinandersetzen.
Die Teilnahme ist kostenfrei. Da es sich um eine Präsenzveranstaltung handelt, sind die Plätze begrenzt. Um Anmeldung wird gebeten.
Programm
10:00 Begrüßung
10:15 Interaktives Kennenlernen
10:45 „Sinti und Roma in der DDR und nach 1989“ – Dr. Katharina Lenski, Friedrich-Schiller-Universität Jena
11:15 Kaffeepause
11:30 Podiumsdiskussion „Zwischen Ausgrenzung und Selbstbehauptung: Kontinuitäten von Antiziganismus und Wege der Selbstvertretung seit 1945“ mit:
- Talina Connolly, Bildungsbotschafterin gegen Antiziganismus, Studierendenverband der Sinti und Roma in Deutschland
- Dr. Katharina Lenski
- Peter Leu, Pfarrer i.R. Evangelische Verheißungskirchengemeinde Neuenhagen-Dahlwitz
- Gjulner Sejdi, Vorsitzender von Romano Sumnal – Roma und Sinti in Sachsen e. V.
Moderation: Dr. Jenny Baumann & Dr. Christine Schoenmakers, Bundesstiftung Aufarbeitung
13:00 Mittagsimbiss
13:45 World Café „Bildungsperspektiven: Empowerment, diskriminierungssensible Vermittlung und transkulturelles Erzählen“
1. Thema: Sabina thaj o Elvis (Sabina und Elvis). Ein Leipziger Kurzfilmprojekt als Empowerment für die Community und als Bildungselement für die Mehrheitsgesellschaft – Daniel Weißbrodt, Romano Sumnal – Roma und Sinti in Sachsen e. V.
2. Thema: Diskriminierungssensible Vermittlung und Zeitzeugenarbeit am Beispiel einer Ausstellung zum Paragrafen 249 des DDR-Strafgesetzbuchs – Dr. Eva Fuchslocher, exhibeo e. V. & Dr. Peter Keup, UOKG e. V.
3. Thema: Vielstimmige Erinnerung vermitteln: Chancen und Grenzen transkultureller DDR-Geschichte – Minar Quayim, Gedenkstätte Lindenstraße Potsdam
15:30 Zusammenfassung der World Café-Ergebnisse
15:45 Closing Statement
16:00 Ende der Tagung
Weitere Informationen zu Anmeldung, Anfahrt und Barrierefreiheit finden Sie unter: https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/veranstaltungen/netzwerktagung-sinti-und-roma-der-ddr-und-im-vereinten-deutschland