Conference "Kirchen in der kommunistischen Diktatur nach der Diktatur. Aufarbeitung und Historiographie" (German and English)

Event, deadline 15 September 2026

Halle (Saale)/Germany

 

Wie haben Kirchen ihre eigene Geschichte nach 1989 erzählt? Wie ist sie in den postsozialistischen Gesellschaften erzählt und aufgearbeitet worden? Vom 6. bis 9. Oktober 2026 diskutieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz Ost-, Südost- und Mitteleuropa in Halle (Saale) über Erinnerung, Aufarbeitung und Geschichtsdeutung.

Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende der kommunistischen Diktaturen in Ost- und Mitteleuropa ist die Geschichte von Kirchen und Religionsgemeinschaften unter kommunistischer Herrschaft keineswegs abgeschlossen. Sie ist erforscht, erinnert und dokumentiert – und bleibt doch umkämpft. Denn zur Geschichte der Kirchen in der Diktatur gehört seit 1990 untrennbar auch die Geschichte ihrer Deutung nach der Diktatur.

Die internationale Tagung „Kirchen in der kommunistischen Diktatur nach der Diktatur. Aufarbeitung und Historiographie“ richtet den Blick deshalb nicht in erster Linie auf die Zeit vor 1989/90. Im Zentrum stehen die Kämpfe um die Erinnerungspolitik, die Dynamiken der Aufarbeitung und die Entstehung historiographischer Narrative seit den 1990er Jahren: Wie erzählten Kirchen und Religionsgemeinschaften ihre eigene Vergangenheit zwischen Verfolgung und Anpassung, zwischen Opposition und Kollaboration? Welche Interessen, Konflikte und Identitätsentwürfe prägten diese Erzählungen? Welcher wechselseitige Einfluss bestand zwischen diesen Erzählungen und der politischen Situation nach den Umbrüchen?

In 22 Beiträgen untersuchen Expertinnen und Experten aus und zu 12 Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas die vielfältigen Wege, auf denen kirchliche Zeitgeschichte erinnert, konstruiert, politisch gerahmt und interpretiert wurde. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Umbruchsjahren nach 1989/90: den Erwartungen und Enttäuschungen der Transformation, dem Verhältnis kirchlicher Aufarbeitung zu demokratischen Institutionen, der Rolle öffentlicher Kontroversen in Politik und Gesellschaft, den Prozessen zwischen Re- und Dekonfessionalisierung.

Die Tagung thematisiert die unterschiedlichen konfessionellen, nationalen und regionalen Konstellationen. Sie fragt nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden in Erinnerungskulturen, nach den Folgen von Mehrheits- und Minderheitsverhältnissen sowie nach den effektiven Verflechtungen von Religion, Nation und Sprache.

Programm

Dienstag, 6. Oktober 2026
18.00–18.30
N. N. (Rektor*in MLU) / Andrea Strübind (Herausgeberin KZG/CCH)
Begrüßung

Friedemann Stengel (Halle)
Einführung

18.30–19.30
Regina Elsner (Münster)
Verfolgung als nützliche Vergangenheit. Opfernarrative der russisch-orthodoxen Kirchenleitung als ökumenisches und politisches Machtinstrument

Mittwoch, 7. Oktober 2026
09.00–10.30
Ehemalige UdSSR
Nadezhda Beliakova (Bielefeld)
Von der Diskussion über Kollaboration zur Konstruktion von Opfernarrativen: Zur Entstehung konfessioneller Deutungen der sowjetischen Vergangenheit in der späten Perestroika und den frühen 1990er Jahren

Ukraine
Andriy Mykhaleyko (Eichstätt)
Zwischen Opfernarrativ und Verflechtung: Die kirchliche Auseinandersetzung mit der sowjetischen Vergangenheit in der Ukraine seit 1991

11.00–12.30
Belarus
Elena Romashko (Göttingen)
Reimagining the Soviet Past: Orthodox Icons as Agents of Historical Reckoning in Belarus and Beyond

Estland
Riho Altnurme (Tartu)
Churches and History: Assessments of the Past in Changing Times. A Comparative Approach to Denominations in Estonia

14.00–15.30
Polen
Anna Ratke-Majewska (Zielona Góra)
Remembering the Catholic Church under Communism: Post-1989 Narratives, Self-Narratives, and Reckonings in Poland

Olgierd Kiec (Zielona Góra)
Die evangelischen Kirchen in Polen nach 1989 und die Aufarbeitung ihrer Existenz unter der kommunistischen Diktatur (1945–1989)

16.00–17.30
Paulina Gulińska-Jurgiel (Halle)
Kirche, Christentum und Politik vor und nach 1989: Reflexionen (nicht nur) katholischer Intellektueller

ČSSR/Tschechische Republik
Jaroslav Šebek (Prag)
Die Transformation von Narrativen über kirchlich-nationale Traditionen in den böhmischen Ländern in der Zeit nach 1990

18.00–18.45
Peter Morée (Prag)
Das Bedürfnis nach Kontinuität: Wie tschechische Protestanten sich nach der „Samtenen Revolution“ über die Bedeutung J. L. Hromádkas stritten

Donnerstag, 8. Oktober 2026
09.00–10.30
ČSSR/Slowakische Republik
Agáta Šústová-Drelová (Bratislava)
The Memories of Always Suffering and Always Victorious Church. Forging Moral Authority Through Memory in Postsocialist Slovakia

Ehemalige UdSSR/Litauen
Arūnas Streikus (Vilnius)
Wenn die heroische Erzählung der Vergangenheit die Probleme der Gegenwart verschleiert: Die katholische Kirche in Litauen und ihr sowjetisches Erbe

11.00–12.30
Ungarn
András Koranyi (Budapest)
Caught in a Net: The Confrontation and Reflection of the Lutheran Church in Hungary with the Secret Service Collaboration during the Socialist Era

Eszter Cúthné Gyóni (Budapest)
Does the Habit Make the Monk? Religious Orders in Hungary’s Party-State System through Post- 1989 Church Historiography

14.00–15.30
Éva Mártonffyné Petrás (Budapest)
Towards a New Understanding of the Freedom of Religion: Old Stereotypes and New Challenges in the History of the Jehovah’s Witnesses in Hungary 1989–2013

Deutschland/DDR:
Gerhard Besier (Dresden)
Jehovah's Witnesses in German Democracies and Dictatorships – from 1921 to 2021

16.00–17.30
Sebastian Holzbrecher (Hamburg)
Aufarbeitung und Historiographie: Perspektiven, Narrative und offene Fragen am Beispiel der katholischen Kirche in der DDR

Friedemann Stengel (Halle)
Zwischen Apologie und Aufarbeitung. Die evangelischen Kirchen in der DDR nach der DDR zwischen Ost und West

18.00–18.45
Rumänien
Lucian Leuștean (Birmingham)
Symbolic Nationalism and the Romanian Orthodox Church: Reimagining the Past

Freitag, 9. Oktober 2026
09.00–10.30
Viktória Kóczián (Budapest)
Faith and Memory. Post-Communist Narratives of the Reformed Church in Romania

Ehemaliges Jugoslawien
Jochen Töpfer (Magdeburg)
Aufarbeitung und Narrative zu Religion im Sozialismus in Südosteuropa

11.00–13.00
Karin Hofmeisterova (Prag)
Towards Postsecular Memory Studies: Memory Politics and the Serbian Orthodox Church

Katharina Kunter (Helsinki)
Ertrag – Hypotheken – Perspektiven

Schlussdiskussion

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