Brief an die Gefangenen

RAF Document ID: 
0019760100_01
Author: 
Andreas Baader
Date: 
Ohne Datum (Januar 1976)
Source: 
Texte: der RAF
Text: 

der ablauf - gang der sache, wie wir sie (etwa) entwickeln - kurz:
auszugehen ist von beiden linien: oktoberrevolution und entkolonialisierung
der einbruch - in das kapitalverhältnis - ist gelaufen an der oktoberrevolution. ihre verteidigung - also ihr zwang zu akkumulieren, entwickelt analog der kapitalbewegungung ungleichzeitigkeit, die ihren vollendeten ausdruck in dem sich gegenüberstehenden overkillpotential hat: der verselbständigten maschinerie.
von der oktoberrevolution wird das kräfteverhältnis in den metropolen - seine geschichte: revisionismus, die entwaffnung der auseinandersetzung in der ökonomie, ökonomischen kämpfen bestimmt,
das die politische niederlage der westeuropäischen revolution definiert - so den klassenantagonismus als motor der kapitalistischen entwicklung
und im prozess der entkolonialisierung
entwickelt sich das globale kräfteverhältnis - zwischen kapital und revolutionärer klasse.
zusammen kommen die 2 linien im augenblick des strategischen gleichgewichts und dem kippen in die strategische defensive des kapitals: dem vietnamkrieg.
dann: imperialismus - die imperialistische kette; darin die reproduktion der hegemonie des amerikanischen kapitals und die seine herrschaft charakterisierenden produktions- und verwertungsbedingungen (in den tiefer stehenden formationen) der akkumulationszentren des kapitals.
drittens: geschichte - die gründung der bundesrepublik als politische agentur des us-kapitals
und counterstaat im kalten krieg; die ohnmacht der alten linken, ihre defensive aus ihrer befangenheit im ost-west-gegensatz - bis zum ende der rekonstruktionsperiode, dem bruch zwischen produktionssphäre und zirkulationssphäre in den krisen der 60ger jahre in allen akkumulationszentren des imperialismus durch die 3. reelle subsumtion - ihre determiniertheit durch die befreiungskriege an der peripherie.
ihre wirkung, ihre kosten, die durch sie dem kapital aufgezwungene technologieentwicklung: elektronik z.b. - bestimmen den versuch der strategischen rekonstruktion des kapitals -
also:
die intensivierung der ausbeutung, die erhöhung der maschinerie, die verlagerung der investitionsschwerpunkte, die repressionstechnologien -
(ausbildung - staat).

d.h.
bestimmt von der militärischen verteidigung des freien kapitals nach aussen, der politischen grenze seiner entwicklung (der einkreisung), läuft die neustrukturierung zwischen und gegen den ökonomischen druck der unpolitischen klasse in ihrer vom kapital bestimmten organisation - dem arbeitskampf - und dem militärischen, ökonomischen, ideologischen druck der politik der klasse: dem befreiungskrieg.

(ideologischer druck: das wäre zu analysieren - antikommunismus, psychologische kriegführung als ausdruck des krisenstaates, der defensive u.s.w. sozialdemokratie, sozialstaat, planstaat u.s.w.)

darin ist die forcierte technologieentwicklung erklärt und sie ist es, die zuerst - ab 1966 - den bereich, den sie direkt entideologisiert und bestimmen muss, politisiert: über den arbeitsmarkt und die staatlich vermittelte strukturreform (man kann sagen als bedingung ihrer erweiterten reproduktion) die fabrik universität.
weil der prozess widersprüchlich reagierend verläuft, entsteht eine intelligenz,
die im widerspruch zwischen bürgerlicher wissenschaftsideologie und der organisation ihrer ausbildung bzw. den verwertungsbedingungen ihrer fertigkeiten ein radikales bewusstsein ihrer proletarisierung entwickelt.
sie findet in diesem prozess - proletarisierung (wie er zuerst erscheinen muss: deklassierung, enteignung) - politisierung
zu einer natürlichen orientierung nicht am entpolitisierten, unpolitisch gehaltenen proletariat der metropole (dem sie objektiv näher kommt, wie es ihr, durch die dequalifizierung der arbeit im produktions- wie im reproduktionssektor u.s.w.), sondern mit dem subjekt dieses prozesses: den befreiungsbewegungen.
sie "identifiziert" sich und wird über das was beaufre "psychologische rückwirkungen" nennt - die grosse mobilisierung 1967-71 - verbündeter. denn ihre politik zersetzt den gesellschaftlichen konsens in allen metropolen: sie realisiert zum erstenmal in neuen formen des widerstands und der aktion die massenhafte verweigerung in den metropolen als bewegung und als revolutionäre möglichkeit. sie erschüttert in bereichen der ideologischen reproduktion die metropolengesellschaft, indem sie das bedürfnis nach einem sinnvollen, menschlichen leben - als negation der kapitalistischen produktion artikuliert.
aufgehängt an dem radikalsten und entwickeltsten ausdruck des imperialismus - dem vietnamkrieg - genocid - und
der radikalsten form der negation: dem befreiungskrieg - konnte die studentenbewegung zu einem völlig neuen begriff des kapitals, des staates und der von der produktionsweise und institution aufgezwungenen struktur gesellschaftlicher beziehung kommen: der entfremdung.
solange sie diesen begriff in bewegung umsetzen und halten konnte, war sie damit reale funktion des revolutionären krieges, weil ihr kulturrevolutionärer aufbruch die transmission war, die die bedingungen der militärischen aggression, den passiven konsens innerhalb des us-staatensystems aufgebrochen hat. damit die voraussetzungen des vom kapital bestimmten konsens in den metropolen begriff, die ausbeutung der peripherie,
was notwendig neue formen der repression in den metropolen entwickeln musste und so neues bewusstsein: das der identität der repression nach innen und aussen.
damit den begriff des internationalen strategischen zusammenhangs, neuer formen des widerstands und der offensive: guerilla.

daraus entwickelt sich ein neues bewusstsein der dialektik zwischen befreiungskrieg an der peripherie und widerstand in der metropole: proletarischer internationalismus - neuer klassenbegriff aus dem befreiungskrieg - weltproletariat.
nicht nur, dass die guerilla den konsens zerstört - an ihr wird eine reale zerstörung - diffusion sichtbar (die augstein als "verlorene existenz der einheitswirklichkeit" der bourgeoisie beklagt).
im zerfall, weil dieser prozess keine klassenbasis hat, gerät ein teil der bewegung zwangsläufig in einen prozess der verlumpung - es entsteht eine bohème bzw. eine zahnlose esoterik, die noch in der situation der ausgestossenen - dem ghetto - nach inseln der privilegierung sucht.
die grosse zahl wird integriert in die institutionen: da ging kein marsch hin, sondern der banale gang bürgerlicher karrieren. es blieb die "verschwindend geringe minderheit", die die identität ihres aufbruchs, ihrer existenziellen möglichkeit als negation entwickelt hat - strategisch begriffen: die stadtguerilla.
das wäre diese phase - neue linke, ihr sozioökonomisches potential, ihre brisanz und ihre notwendigkeit.
sie konnte vom staat eingefangen werden durch die sozialdemokratie an der macht - in einem ablauf, an dessen anfang das in die amnestie gewickelte versprechen einer hochschulreform stand, die in der entwicklung des globalen klassenantagonismus und seiner reflexe in der metropole klar machte, was reform als strategie des kapitals ist: repression - numerus c1ausus, berufsverbot u.s.w. - weil sie - das ist ihre bedingung - nicht im proletariat verankert war und massenhafte politische integration von intelligenz und proletariat nur in revolutionären situationen läuft - in der revolutionären organisation, d.h. im politischen angriff der klasse,
und nicht im überbau.

dann: sozialdemokratie - ihre funktion für die rekonstruktion des kapitals in seiner strategischen defensive und ihr projekt: verrechtlichung und verstaatlichung der gesellschaft, vergesellschaftung der repression, faschismus als institutionelle strategie innerstaatlich und zwischenstaatlich, festgemacht an der methode der herrschaftssicherung, die das kapital gegen die befreiungsbewegungen an der peripherie entwickelt hat: counterinsurgency. ihre funktion als regierungspartei der imperialistischen führungsmacht in westeuropa für die strategie des amerikanischen kapitals, in der eg und in der nato als organisator neuer unterwerfungsstrategien des kapitals gegen die befreiungsbewegungen an der peripherie.

zu erklären ist jetzt, wie der prozess der krise, rezession und repression durch die guerilla, den angriff und die reaktion, die sich an ihr offen zeigen muss, militärisch nach innen vermittelt (auch aus der struktur ihrer repressionsmaschinerie) - die demarkationslinien in den metropolen als einen teil der front des befreiungskrieges definiert.
indem sie anfängt zu kämpfen (den waffenstillstand bricht) - aus ihrer geschichte: proletarisierung - aus dieser erfahrung des apparats + ihrer bedingung: ihrer analyse - ihr begriff des widerstands und des angriffs: bewaffnete proletarische politik -
die zwei füsse der stadtguerilla:
1.
protagonist der klassenauseinandersetzungen in den metropolen, der entwicklung der demarkationslinie zwischen arbeit und kapital/imperialistischem staat zur front, als widerstand gegen den prozess der innerstaatlichen faschisierung und operator des sich in westeuropa entwickelnden widerstands gegen die bundesrepublik als kernstaat der amerikanischen strategie -
und der 2. fuss
politisch-militärische funktion auf den äusseren linien der offensive proletarischer politik in den befreiungskriegen der völker der dritten welt, der front, an der das kapital an seine politische grenze gestossen ist - funktion des proletarischen internationalismus.
auf der ebene der klasse fehlt hier das moment der taktik. sie kann nur anfangen subjektiv, also bewusst, also für sich zu kämpfen, wenn sie bewegung, front wird, und schliesslich die ebene der kämpfenden, der revolutionären organisation erreicht.

aus der demarkationslinie der repressiven befriedung, die die politik des kapitals durch unterdrückung und entfremdung der bedürfnisse und durch institutionelle strategie setzt, kann gegen die nirgends so wie in der bundesrepublik entwickelten und durchgesetzten repressionstechnologien des antikommunismus nur eine front werden durch bewaffneten kampf und den gegen die konterrevolutionäre legalität organisierten widerstand, den er entwickelt.

guerilla in der metropole also ist taktik -
als der initiator des prozesses der rekonstruktion der klasse, subjektives moment der wiedereroberung des klassenstandpunktes. durch sie beginnt die klasse als (potentiell) antagonistischer prozess zur strategie des kapitals - der toten institutionalisierung und verrechtlichung des produktionsverhältnis - zu funktionieren. durch sie wird diese potenz für das kapital - seinen staat - gefährlich. durch sie entwickelt sich in der dialektik von repression und widerstand
klassenbewusstsein. wenn aber die klasse strategie ist, ist klassenbewusstsein das moment proletarischer politik, ihrer taktik, ihrer autonomen organisation und des proletarischen internationalismus - der einheit des kampfs gegen den imperialismus an allen fronten.

wir versuchen das ding auf zwei ebenen - in ihrer dialektik zueinander, die gleichzeitig über die möglichkeit und aktualität revolutionärer politik in der metropole spricht.
das ist 1.
die innere linie. das ist der tendenzielle zusammenbruch des kapitalverhältnis - weltweit durch die militärische, politische, ökonomische offensive proletarischer politik ausgehend von der front - dem befreiungskrieg der völker der 3.welt - der in eins gesetzt ist mit der sozialen revolution an der peripherie.
es ist 2.
ihre wirkung auf die äussere linie, die krise, die reagierende kapitalbewegung und ihr politischer ausdruck - der überdeterminierte staat des kapitals in den akkumulationszentren. so die prozesse der konzentration des kapitalistischen kommandos, die prozesse der neuzusammensetzung des kapitals, damit den technologischen prozess. die erhöhung der maschinerie - den krisenhaften versuch der kontinuität kapitalistischer entwicklung aus der defensive. damit auch die neuzusammensetzung des proletariats und neue formen der repression und insurrektion in der metropole: die notwendigkeit bewaffneter politik.

wir gehen dabei von einer front des klassenkampfes im befreiungskrieg aus, einer demarkationslinie innerhalb der metropole und einer demarkationslinie zwischen sozialistischem block und imperialismus. zu erklären ist - d.h. das wird der versuch sein und zwar historisch: notwendig und strukturell: möglich - wie wir ausgehend von der offensive proletarischer politik im revolutionskrieg und der sozialen revolution in der 3.welt, in den zentren zu kämpfen haben, um die demarkationslinien des klassenkampfes hier in eine offene front zu verwandeln, die globale ökonomische krise des kapitalismus in seine endliche politische.
wir untersuchen weniger wie die orthodoxe diskussion die grenze der kapitalentwicklung aus ihr selbst, sondern aus dem globalen, mit den befreiungskriegen durch die politik der revolutionären klasse bestimmten kapitalverhältnis. das entwickelt zwangsläufig einen begriff der basisrelevanz der politik, in dem das strategische projekt der guerilla in der metropole begründet ist. über das wir im übrigen wenig sagen werden, nachdem klar ist dass die rand-corporation unsere texte analysiert.
es ist also die frage, wie zu der besonderen historisch möglichen form revolutionärer gewalt zu kommen ist, die dem institutionellen gebrauch der macht entspricht, und zwar in einem auf den revolutionären bruch gerichteten begriff, einer definition der reaktion in europa,
der gegenüber die massenaktion nur sinn haben kann, wenn sie die erfahrung der front des weltweiten bewaffneten kampfes integriert. je mehr das kapital sich organisiert und im staat plant, stellt sich das problem einer form des kampfes, die die entwicklung hier vorantreibt,
die die ökonomischen klassenkämpfe in ihrer internationalen defensive offensiv artikuliert - denn gewalt ist eine ökonomische potenz -
und das problem einer in ihr definierten, politisch-militärischen aktion der revolutionären avantgarde, die in die krise in der metropole direkt eingreift und ihren verlauf, ihre lösung für die internationale offensive des befreiungskrieges bestimmt. der gegenstand der analyse ist, rauszufinden in welchem verhältnis es beide funktionen schon gibt, wo und wie wir anzugreifen haben, um die verbindung herzustellen.

benjamin - nochmal - sagt:
"das subjekt historischer erkenntnis ist die kämpfende, unterdrückte klasse. bei marx tritt sie als die letzte geknechtete, als die rächende klasse auf, die das werk der befreiung im namen von generationen geschlagener zuende führt. dieses bewusstsein, das für kurze zeit im spartacus nochmal zur geltung gekommen ist, war der sozialdemokratie von jeher anstössig. im lauf von drei jahrzehnten gelang es ihr, den namen eines blanqui fast auszulöschen, dessen erzklang das vorige jahrhundert erschüttert hat. sie gefiel sich darin, der arbeiterklasse die rolle einer erlöserin künftiger generationen zuzuspielen. sie durchschnitt ihr damit die sehne der besten kraft. die klasse verlernte in dieser schule gleichsehr den hass wie den opferwillen. denn beide nähren sich an dem bild der geknechteten vorfahren, nicht am ideal der befreiten enkel."
diese bestimmung von benjamin ist fundamental. denn der entwurf einer als sozialistisch ausgegebenen utopie kann immer nur der versuch sein, die revolution als ware attraktiv zu machen und so ihre konjunktur zu erwarten. die revolution ist real nur als negation des bestehenden, als seine zerstörung, das zerbrechen des kapitalistischen produktionsverhältnisses - ökonomisch, militärisch, kulturell, ideologisch. die funktion der utopie ist allen erfahrungen nach eine form des arrangements mit der schlechten gegenwart.