CfP: Digitale Industrie, algorithmische Arbeit, kulturelle Transformation. Interdisziplinäre Perspektiven auf die ökonomische, politische und gesellschaftliche Verhandlung von Digitalisierung und zukünftiger Arbeit

Call for papers, deadline 20 July 2018 (in German)

 

Aufruf zur Einsendung von Beiträgen für die interdisziplinäre Fachtagung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kooperation mit der Universität Kassel und der Universität Bonn zum Thema: „Digitale Industrie, algorithmische Arbeit, kulturelle Transformation. Interdisziplinäre Perspektiven auf die ökonomische, politische und gesellschaftliche Verhandlung von Digitalisierung und zukünftiger Arbeit“, 4.-6. Oktober 2018 in Bonn.

Die Diskurse über die „Zukunft“ der Arbeit werden derzeit von gegensätzlichen Positionen dominiert, die sich entweder in sehr optimistischen oder pessimistischen Wortmeldungen über die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Industriestandort Deutschland äußern. Das politische Interesse daran zeigt sich deutlich in den finanziell gut ausgestatteten Förderprogrammen der Initiative „Industrie 4.0“, die auf eine Verstetigung der Industrieproduktion und der qualifizierten Industriearbeit abzielt. Den Zukunftshorizont bilden „intelligente, digital vernetzte Systeme, mit deren Hilfe eine weitestgehend selbstorganisierte Produktion möglich wird: Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkte kommunizieren und kooperieren in der Industrie 4.0 direkt miteinander“. Die Fragen nach den Auswirkungen auf das Arbeitsleben und den entsprechenden Regelungserfordernissen der „algorithmischen“ Arbeit wurden im Weißbuch „Arbeiten 4.0“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales aufgegriffen.

Die „4.0“-Indizierung lässt auf politischer Ebene einen Grundoptimismus erkennen, der die Gestaltung „guter“ digitaler Arbeitswelten mit den bewährten ökonomischen und arbeitsmarktpolitischen Regulierungen für machbar hält. Entgegen aller postmaterialistischen Konzepte der New Economy wird hier an den Tugenden der Industrieproduktion festgehalten und eine Revitalisierung der kooperativen Elemente des „rheinischen Kapitalismus“ erhofft. Eine eher pessimistische Einstellung wird von Seiten der Sozialwissenschaften formuliert. Bemängelt wird vor allem die Konjunktureuphorie und die Einseitigkeit von Konzepten wie „Industrie 4.0“: Sie beschränkten sich in „bornierter“ Weise allein auf die Kernbereiche deutscher Exportindustrie und ließen das Gesamttableau der digitalen Arbeitswelt außer Acht. „Industrie 4.0“ könne als „Hegemonieprojekt der Unternehmensverbände und der politischen Eliten“ verstanden werden.

„Kampagnen-Optimismus“ und „digitalkapitalistischer Pessimismus“ erscheinen in dieser Debatte diametral und unversöhnlich. Hier zeigt sich, dass einer gesellschaftspolitischen Bearbeitung von Digitalisierung und ihrer Auswirkungen auf zukünftige Arbeitsgesellschaften grundsätzliche definitorische, theoretische und methodische Klärungen vorausgehen müssen. Alte und neue gesellschaftliche Kräfteverhältnisse gilt es auszumessen, alte und neue Konzepte sind auf ihre Tragfähigkeit und Globalität zu prüfen. In der Öffentlichkeit wird diese Debatte von Warnungen vor dem Ende der Arbeitsgesellschaft sowie diffusen beruflichen und sozialen Abstiegsängsten flankiert, die wiederum von rechtspopulistischen Bewegungen politisch aufgegriffen werden.

Gleichzeitig bewirken die fortschreitende Digitalisierung und Technisierung lebensweltliche, kulturelle und politische Transformationen, die mitgedacht werden sollten. Die Dringlichkeit einer auch kulturbezogenen und interdisziplinären Analyse des „Digitalen Zeitalters“ wird allein schon daraus ersichtlich, dass es an einem einschlägigen Begriff für die Veränderungen, die digitale Technologien an unserer Lebenswelt vornehmen, mangelt.

Die diesjährige Fachtagung der FES-Promotionsförderung für Nachwuchswissenschaftler_innen und etablierte Forschung möchte auf dieser Grundlage zwei Diskursräume zusammenführen und eine interdisziplinäre wissenschaftliche Zusammenschau der Problemlagen und Perspektiven anregen. Folgende Kernfragen stehen dabei im Zentrum:
Welche historischen, lebensweltlichen und kulturellen Indikatoren bestimmen und periodisieren das sog. „Digitalen Zeitalter“? Wie verändern sich Lebensführung, Gesellschaft und politisches System durch die Digitalisierung und welche gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse lassen sich identifizieren?

Gesucht sind Beiträge, die sich in Bezug auf Digitalisierung mit Sprache, Medialität, Ethik und Recht in der kulturellen Transformation beschäftigen, aber auch nach Veränderungen in Freizeit- und Konsumverhalten, gesellschaftlicher und kultureller Teilhabe, Bildung, Berufsbildung und Erziehung fragen. Was ändert sich in der menschlichen Selbstwahrnehmung, wenn das Arbeitsleben durch digitale Leistungs- und Verhaltenskontrollen geprägt wird, wenn die Mensch-Maschine-Interaktion sich im „Internet of things“ verändert, wenn die Mobilität „autonomen“ Fahrzeugen überantwortet wird? Neben philosophischen, psychologischen, soziologischen und juristischen Betrachtungen können hier auch kulturwissenschaftliche Querschnitte wie class, race, gender, religion und disability Teil der Beiträge sein.

Wir fragen nach politischen und gesellschaftlichen Indikatoren des „Kapitalismus im 21. Jahrhundert“, seiner digitalen Varianz und nach den Auswirkungen auf Arbeitsregime, Arbeitsbeziehungen und Sozialstaat.

Wir suchen zum einen Beiträge, die den „digitalen Kapitalismus“ als sozial- und wirtschaftswissen-schaftliche Analysekategorie vorstellen. Zum anderen sind aber auch Studien willkommen, die soziale, kulturelle und politische Pfadabhängigkeiten digitaler Arbeitsregime ins Zentrum rücken und/oder alternative Ansätze zur Erfassung digitaler Arbeit und ihrer Organisierung beinhalten. Hier können bspw. Fragen nach den Auswirkungen globaler algorithmischer Arbeitsprozesse auf die Gesellschaften der Welt ebenso behandelt werden wie die Wirkmächtigkeit von Mitbestimmungstraditionen, Streiks und Gewerkschaften. Wie kann die Arbeitswelt der Zukunft aussehen, welche Gestaltungsperspektiven gibt es und welche Rolle spielen die Akteuren der Arbeitsbeziehungen in den digitalen Transformationsprozessen?

Die Fachtagung möchte Nachwuchswissenschaftler_innen, die aus ihren laufenden Forschungsprojekten berichten, mit Expert_innen der etablierten Forschung zusammenbringen. Die Beiträge können eine methodische und theoretische Vielfalt aufweisen, sollten jedoch immer einführend den Forschungsstand des jeweiligen Fachgebiets kurz reflektieren.

Eine Veröffentlichung der Ergebnisse in einem Tagungsband ist geplant. Die Auswahl der Beiträge für diesen Sammelband erfolgt nach der Tagung und obliegt den Organisator_innen. Für die Vortragenden der Tagung wird ein Hotelzimmer reserviert, die FES übernimmt in diesen Fällen die Reise-, Unterbringungs- und Verpflegungskosten. Es sind keine Honorare vorgesehen.

Wir bitten um die Zusendung aussagekräftiger Vortragsvorschläge (Umfang ca. 2.500 Zeichen) und ein kurzes CV bis spätestens 20.07.2018 an stephan.schmauke@fes.de. Bitte planen Sie für die Tagung eine Vortragsdauer von 15-20 Minuten ein. Die Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch.

Wir freuen uns auf innovative Vorträge und stehen für Rückfragen gerne zur Verfügung!

Kontakt wissenschaftliche Tagungsleitung:

Universität Kassel

Prof. Dr. Wolfgang Schroeder
Fachgebietsleiter FB 05 Gesellschaftswissenschaften, Vertrauensdozent der FES
Wolfgang.Schroeder@uni-kassel.de

Friedrich-Ebert-Stiftung

Dr. Ursula Bitzegeio
Teamleiterin Promotions-förderung der FES
Lehrbeauftragte am Institut für Politikwissenschaft und Soziologie, Universität Bonn
Ursula.Bitzegeio@fes.de

Universität Bonn

Dr. des. Sandra Fischer
Akademische Rätin, Institut für Politikwissenschaft und Soziologie
Sandra.Fischer@uni-bonn.de

Kontakt Organisation und Redaktion Friedrich-Ebert-Stiftung:

Simone Stöhr
Organisation Promotionsförderung der FES
Simone.Stoehr@fes.de
Tel. 0228 883 7940

Dr. Stephan Schmauke
Redaktion Promotionsförderung der FES
Stephan.Schmauke@fes.de
Tel.: 0228 883 7951

Felix Kollritsch
Promotionsstipendiat der FES, Ruhr-Universität Bochum
felix.kollritsch@posteo.de

 

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