Nachruf: Dr. Karl Lang, 25.6.1939 - 8.7.2023

Obituary (in German)

 

Anfang Juli ist unser langjähriger Wissenschaftlicher Mitarbeiter Karl Lang nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 84 Jahren verstorben. Karl Lang wuchs in Horn (TG) am Bodensee auf, absolvierte zunächst eine Lehre bei der SBB und holte dann die Matura nach. Anschliessend studierte er Geschichte und Germanistik an der Universität Zürich und arbeitete als Lehrer am Freien Gymnasium Zürich. Nach dem Studienabschluss 1968 doktorierte Karl Lang als Vertreter einer jungen Historiker:innengeneration mit sozialhistorischem Interesse beim Globalhistoriker Rudolf von Albertini über den Zürcher Arbeiterarzt, Publizisten, sozialdemokratischen, anarchistischen und kommunistischen Aktivisten und Politiker sowie Sexualreformer Fritz Brupbacher. Dazu wertete Lang als erster den umfangreichen Brupbacher-Nachlass mit seinen teilweise sehr schwer zu entziffernden Tagebüchern aus, den das Sozialarchiv bereits 1949, vier Jahre nach Brupbachers Tod, übernommen hatte. Das Thema interessierte über den akademischen Elfenbeinturm hinaus: Im Sommer 1973 wurde Karl Lang von DRS 2 zu einer Radiosendung über Brupbacher eingeladen. Das auf Langs Dissertation beruhende Buch, das erstmals 1975 und dann in zweiter Auflage 1983 erschien, ist bis heute das Standardwerk der Brupbacher-Forschung. Ebenso besorgte Lang in den 1970er-Jahren Neueditionen verschiedener Schriften Brupbachers, referierte an der Jahresversammlung 1976 des Sozialarchivs zum Thema «Fritz Brupbacher und die Frage der Autorität» und erstellte 1978 das Findmittel des Brupbacher-Nachlasses.

Zugleich beteiligte sich Karl Lang am 39-köpfigen Autor:innenkollektiv, das 1975 den kommentierten Quellenband «Schweizerische Arbeiterbewegung» herausgab. Das Buchprojekt ging zurück auf eine vom Sozialarchiv, der Zentralbibliothek Zürich und dem Präsidialdepartement der Stadt Zürich 1972 im Stadthaus ausgerichtete Ausstellung zur Geschichte der Schweizer Arbeiter:innenbewegung, die wesentlich auf Vorarbeiten einer studentischen Arbeitsgruppe beruhte und in der Folge auch mit grossem Publikumserfolg in Basel, Luzern, Winterthur und St. Gallen gezeigt wurde. Der Leiter des Huber Verlags wollte daraufhin das zugrundeliegende Aktenmaterial in Buchform publizieren; dieser Plan wurde vom Verwaltungsrat des Verlags nach einer Intervention der Zürcher Geschichtsprofessoren Marcel Beck und Hans Conrad Peyer aber vereitelt und der Verlagsleiter erhielt den blauen Brief. Aufgrund eines ähnlichen Vorgangs verweigerte in der Folge auch der Suhrkamp Verlag den Druck. Als Resultat dieser «Cancel Culture» avant la lettre erschien der Quellenband schliesslich beim Limmat Verlag. Die Erstauflage von 5'000 Exemplaren war rasch vergriffen, 1979 kam eine aktualisierte Fassung heraus und 1980 sowie 1989 erschienen weitere Auflagen.


Karl Lang, um 1980 (Foto: Urheber:in unbekannt/SozArch F 5009-Fx-127)

Mittlerweile (ab 1974) war Karl Lang Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sozialarchiv geworden. Mit der Anerkennung der Subventionsberechtigung des Sozialarchivs durch den Bund im Rahmen des neuen Bundesgesetzes über die Hochschulförderung wurde nach langen Jahren der Personal- und Finanzknappheit erstmals die Besetzung einer Archivarsstelle möglich. Zwar hatte die Institution bereits 1942 ihren Namen geändert von «Zentralstelle für soziale Literatur der Schweiz» in «Schweizerisches Sozialarchiv», die ab den 1930er-Jahren übernommenen Nachlässe und Körperschaftsarchive mussten aber jahrzehntelang unbearbeitet bleiben. Karl Lang als Wissenschaftlichem Mitarbeiter in den Abteilungen Archiv und Kleinschriften oblag nun die Erschliessung dieser Bestände. Damit legte er die Grundlagen der heutigen Archivabteilung, für die sukzessive Übernahme einer Vielzahl weiterer Privatarchive und mithin einer Sammlung, die heute auf der Liste der Kulturgüter von nationaler Bedeutung figuriert. Ab 1976 gehörte Lang als Personalvertreter auch dem Vorstand des Sozialarchivs an. 1996 wechselte er dann in die Periodika-Abteilung, wo er bis zu seiner Pensionierung 2002 tätig blieb. Danach nahm er noch bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie regelmässig an den Jahresversammlungen des Vereins Schweizerisches Sozialarchiv teil.

In der 1970 gegründeten International Association of Labour History Institutions (IALHI) spielte Karl Lang als Vertreter des Sozialarchivs in den 1980er-Jahren eine führende Rolle. Bereits 1972 hatte das Sozialarchiv als IALHI-Gründungsmitglied die dritte Jahreskonferenz dieser Dachorganisation ausgerichtet – diese gab den Anlass für die bereits genannte Ausstellung im Stadthaus. Im Jahr 1980 wurde Karl Lang zum Sekretär der IALHI gewählt, was der Neuen Zürcher Zeitung unter dem Titel «Ehrung eines Archivars» eine Meldung wert war (NZZ, 10.9.1980). Lang leitete die IALHI bis 1987. In dieser Zeit stieg die Zahl der in der IALHI zusammengeschlossenen Archive, Bibliotheken und Forschungseinrichtungen von 69 auf 93 – heute sind es 107. 1988 fand auf Vermittlung von Karl Lang die 19. Jahrestagung der IALHI erneut in Zürich statt.

Daneben betätigte sich Karl Lang auch immer wieder als «Public Historian»: Bereits 1968 publizierte er zum 50. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs in der Schweizer Illustrierten einen neunseitigen Artikel über die Schrecken des Krieges und seine langfristigen geopolitischen Folgen (Schweizer Illustrierte, 4.11.1968). Vier Jahre darauf folgte zum 60. Jahrestag des ersten Zürcher Generalstreiks von 1912 ein Beitrag im Tages-Anzeiger-Magazin zu diesem Ereignis (Tages-Anzeiger-Magazin, 9.12.1972). Zum 75-Jahre-Jubiläum des Sozialarchivs stellte Karl Lang die Institution 1981 in einer Sendung des Deutschschweizer Radios vor. Ein Jahr darauf hielt er an der Basler «Friedenswoche» zum Gedenken an den sozialistischen Friedenskongress vom November 1912 zusammen mit dem Basler Geschichtsprofessor Markus Mattmüller das historische Hauptreferat der Eröffnungsveranstaltung. Die beiden Historiker teilten an der Friedenswoche das Rednerpult mit viel Prominenz, unter anderen Bundesrat Willi Ritschard, Altbundeskanzler Willy Brandt, dem mehrfachen portugiesischen Premierminister und nachmaligen Staatspräsidenten Mário Soares oder dem Schriftsteller und ehemaligen senegalesischen Staatspräsidenten Léopold Sédar Senghor. Ab 1985 präsidierte Karl Lang die Vorbereitungsgruppe für die Festschrift zum 100. Geburtstag der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, die 1988 unter dem Titel «Solidarität, Widerspruch, Bewegung» herausgegeben von Karl Lang, Peter Hablützel, Markus Mattmüller und Heidi Witzig erschien. 1989 kuratierte Lang eine Ausstellung in der Zentralbibliothek Zürich zur damals 100-jährigen Geschichte des 1. Mai. Ebenso publizierte er zu verschiedenen Themen der schweizerischen Arbeiter:innengeschichte und ihrer Archive. Als aktiver Staatsbürger war Karl Lang 1974 bis 1978 Schulpflegemitglied in der Goldküstengemeinde Zollikon (und wurde in diesem Amt Gegenstand eines ideologisch motivierten Shitstorms durch eine anonyme Flugblattkampagne), dann der Bezirksschulpflege und fungierte lange Jahre als Präsident und danach bis 2016 als Kassier der SP Zollikon. Nach der Pensionierung engagierte er sich unter anderem als Mitglied der Objektbaukommission und Präsident der Bibliothekskommission für den neuen Quartiertreffpunkt Zollikerberg, leitete eine Wandergruppe für ältere Menschen im Rahmen der Pro Senectute und führte historische Stadtrundgänge für Zolliker:innen durch das «Rote Zürich».
Das Schweizerische Sozialarchiv ist Karl Lang für seine jahrzehntelange Arbeit dankbar und wird dem Verstorbenen ein ehrendes Andenken bewahren.

Christian Koller

Schriften von Karl Lang im Schweizerischen Sozialarchiv (Auswahl):

  • Arbeitsgruppe für Geschichte der Arbeiterbewegung Zürich: Schweizerische Arbeiterbewegung: Dokumente zu Lage, Organisation und Kämpfen der Arbeiter von der Frühindustrialisierung bis zur Gegenwart. Zürich 1975, , 54290
  • Brupbacher, Fritz: 60 Jahre Ketzer: Selbstbiographie: Ich log so wenig als möglich. Anmerkungen und Nachwort von Karl Lang. Zürich 1973, , 51207
  • Brupbacher, Fritz: Marx und Bakunin: Ein Beitrag zur Geschichte der Internationalen Arbeiterassoziation. Vorwort von Karl Lang. Berlin 1976, , 58209
  • Lang, Karl: Kritiker, Ketzer, Kämpfer: Das Leben des Arbeiterarztes Fritz Brupbacher. Zürich 1975, 2. Aufl. 1983, , Hf 3500
  • Lang, Karl: Einleitung, in: Fritz Brupbacher: Hingabe an die Wahrheit: Texte zur politischen Soziologie, Individualpsychologie, Anarchismus, Spiessertum und Proletariat. Berlin 1979. S. 9-17, , 64007
  • Lang, Karl und Hans-Ulrich Stauffer (Hg.): Theo Rutschi: Ich höre ein Lied. Zürich 1983, , 74153
  • Lang, Karl et al. (Hg.): Solidarität, Widerspruch, Bewegung: 100 Jahre Sozialdemokratische Partei der Schweiz. Zürich 1988, , 84808
  • Lang, Karl: Chronologie der Ereignisse, in: ders. et al. (Hg.): Solidarität, Widerspruch, Bewegung: 100 Jahre Sozialdemokratische Partei der Schweiz. Zürich 1988. S. 31-87, , 84808
  • Lang, Karl: Die Archive der schweizerischen Arbeiterbewegung, in: Studer, Brigitte und François Vallotton (Hg.): Histoire sociale et mouvement ouvrier: Un bilan historiographique 1848–1998. Lausanne/Zürich 1997. S. 249-266, , 102914
  • Lang, Karl: Arbeiter heraus! Der Zürcher Generalstreik 1912, in: Tages-Anzeiger-Magazin 49 (1972). S. 17-23, 335/79-10
  • Lang, Karl: Verzeichnis der Akten der Trotzkistenprozesse im Eidgenössischen Militärdepartement in Bern. Zürich 1974, 335/413-20
  • Lang, Karl: La grève générale de 1912 à Zurich, in: Cahiers Vilfredo Pareto 42 (1977). S. 129-141, N 2463
  • Lang, Karl: Die Archive der schweizerischen Arbeiterbewegung, in: Archivum 27 (1980). S. 122-129, D 5325
  • Lang, Karl: 75 Jahre Schweizerisches Sozialarchiv, in: Nachrichten VSB/SVD 57 (1981). S. 152-157, N 295
Posted